Auf Suche nach Zukunftsvisionen: Lasst uns für und nicht nur gegen etwas kämpfen

Die Frage nach dem Warum - warum die Mühe, das Engagement, der Aktivismus - habe ich lange mit dem Teilsatz „Um zu verhindern, dass“ beantwortet. Um zu verhindern, dass bis zu 2 Milliarden Menschen flüchten müssen, Dürren und Naturkatastrophen unzählige Menschenleben fordern, um zu verhindern, dass die Hälfte der heute lebenden Arten unwiederbringlich aussterben, fruchtbare Landschaften zu Wüsten werden, weitere Pandemien rasend schnell entstehen und sich verbreiten können.

Der Kampf, den ich führte, war ein Kampf gegen diese Dystopie. Und ist es auch nach wie vor. Denn diese Dinge drohen in der Zukunft, wenn wir es nicht schaffen das 1,5 Grad Ziel einzuhalten und umfassenden Arten- und Umweltschutz etablieren.

Doch lange habe ich nicht bemerkt, wie hungrig ich war. Nach einem Ziel, einer Vision, einer Zukunftsvorstellung, für die es sich zu kämpfen lohnt. Nach realisierbaren Alternativen zum Wirtschafts- und Gesellschaftssystem von heute. Und ich glaube, ich bin gerade dabei sie zu finden.

Wenn ich hier von Visionen, von Träumen rede, dann rede ich nicht von Träumen von mir für meine eigene Zukunft, sondern von kollektiven Träumen, Visionen über das Zusammenleben, von vielen gemeinsam formuliert, erprobt, geteilt, verfeinert, verwoben.

Oberbürgermeister*in Kandidatin zu sein bedeutet für mich zuzuhören, mich weiterzubilden. Die Chance nutzen Teil eines Netzwerkes zu sein, in dem Menschen mit unterschiedlichsten Expertisen bereit sind Erfahrungen, Wünsche und Visionen mit mir zu teilen.

Jedes Mal, wenn ich mich über Skype mit einem dieser Menschen treffe, sei es der engagierte Lehramt Student, der von einer neuen Art des Unterrichts träumt, oder der Gründer einer Allmende, die direkt den selbst gegründeten Waldkindergarten mit Essen beliefert, oder die digital change Managerin eines Universitätsklinikums, bin ich erstaunt, dass es für viele Probleme und „Krisen“ von heute schon innovative Lösungsvorschläge gibt. Und oft bedeutet Innovation nicht „noch mehr“, „noch größer“, „noch schneller“, sondern eine nachhaltige Nutzung der vorhandenen Ressourcen.

Im Team haben wir in den vergangenen Wochen und Monaten unser Wahlprogramm erarbeitet. Und die einzelnen Themengebiete, Energie, Verkehr, Forstwirtschaft, Bildung, Wohnen, Soziales, Konsum, Industrie- sind alles Fäden, die sich in ein neues Zukunftsbild verweben. „Wir haben da ein Manifest für den Klimaschutz in Marburg geschaffen“, meinte ein Kollege von der Klimaliste zu mir. Und es ist wahr- diese knapp 100 Seiten, die einige Nachtschichten und enge Zusammenarbeit mit Expert*innen und BIs bedeutet haben, sind mehr als nur leere Worte. Sondern träumende Worte, Worte voller Hoffnung, voller Zuversicht, dass ein Systemwandel, soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz möglich sind, dass wir eine Gemeinschaft schaffen können, die Länder- und Millieugrenzen überwinden kann und das Miteinander wieder finden können.

Doch ist das nicht nur eine Utopie?

„Die größte Utopie ist die des unbegrenzten Wachstums auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen“, sagte Niels Noack, Mitgründer der Allmende Holzhausen, zu mir.

Unser derzeitiges Wirtschaftssystem ist auf dieser Utopie, dieser ungültigen Prämisse aufgebaut. Nach Möglichkeiten zu suchen unser Wirtschaften nachhaltiger zu machen - und diese auch konsequent umzusetzen - ist die einzige realistische Alternative, wie wir noch viele tausend Generationen auf diesem Planeten überleben können.

Das steckt schon im Wort Nachhaltigkeit selber drinnen. Denn Nachhaltigkeit ist nicht etwa nur ein neuer Trend, der sich gut für Logos und Sprüche auf Produktpackungen eignet, sondern die Bewahrung der natürlichen Regenerationsfähigkeit von Systemen. Einen Acker zum Beispiel durch ein Agroforst System nachhaltig zu machen, bedeutet, dass er über Jahrhunderte hinweg bewirtschaftet werden kann und nicht nach wenigen Jahren der intensiven Bewirtschaftung mit Monokulturen zu unfruchtbaren Brachland wird.

Wir können nicht weiter so machen wie bisher. Denn wir laufen auf Grenzen zu - in den Ressourcen, in der Regenerationsfähigkeit der Böden - und auf Kipppunkte in der globalen Erderwärmung.

Lasst uns stehen bleiben. Uns hinsetzen und einen Moment nehmen um zu träumen, gemeinsam Visionen für ein Zusammenleben entwickeln.

Und dann zusammen eine neue Richtung einschlagen.


Zum Wahlprogramm geht`s hier: https://www.klimaliste-hessen.de/marburg/