Eine Oberbürgermeister Kandidatin auf dem Autismus Spektrum?

Ich bin Autistin. Dieser Satz kostet mich einiges an Überwindung. Aber wieso ist das so?

Weil autistisch, neurodivers zu sein oder eine andere Behinderung zu haben von vielen Menschen immer noch als eine Schwäche angesehen wird. Autist*innen: Das sind gefühlskalte, unempathische Menschen, die, wenn sie überhaupt irgendetwas können, menschliche Supercomputer in einem Gebiet sind. Jedenfalls ist es das, was die meisten Menschen von uns denken.

Ich passe nicht in dieses Bild. Obwohl ich keine extravertierte Partygängerin bin, habe ich viele Freund*innen, zeige Gefühle und Empathie und habe viele Interessen. Ich lebe alleine, studiere, bin Musikerin, engagiere mich im Klimaschutz und kandidiere jetzt auch als Oberbürgermeisterin. Aber “ein echter Autist” kann so etwas doch nicht, oder?

Doch, das können wir. Oder manche von uns. Wie auch bei neurotypischen Menschen (Menschen, die keinen Autismus, ADHS oder ähnliche Syndrome haben) hat jede Autistin und jeder Autist unterschiedliche Fähigkeiten und Interessen. Manche von uns haben herausragende künstlerische Fähigkeiten, andere interessieren sich stark für höhere Mathematik. Und ja, es gibt sicher viele Autist*innen, für die wäre das Kandidieren für ein politisches Amt aufgrund der hohen sozialen und sensorischen Anforderungen, vielleicht nicht möglich.

Doch es gibt auch neurotypische Menschen, die sich dem nicht gewachsen sehen.

Jedoch bringt das Kandidieren für mich durch meinen Autismus auch besondere Schwierigkeiten mit sich. So sind Plena (wie das wöchentliche Plenum der Klimaliste) sehr anstrengend für mich, da so viele Menschen daran teilnehmen. Meine coping Strategie hier ist es die Lichter auszuschalten und Mandalas währenddessen auszumalen, um besser zuhören zu können. Auch hilft es mir bei solchen Veranstaltungen tatsächlich, dass sie gerade online stattfindet, da ich dann in meiner vertrauten Umgebung bleiben kann und sensorische Reizüberflutung minimieren kann.

Auch vor Podiumsdiskussionen habe ich großen Respekt. Einem Gespräch mit mehr als 2 oder 3 Personen zu folgen erfordert sehr viel Energie für mich, die dann leider schnell erschöpft ist.

Alles, was Telefonieren involviert, ist auch immer besonders stressig für mich (z.B. Telefoninterviews). Am liebsten beantworte ich Fragen einfach per E-mail.

Generell bin ich durch meine schnelle Reizüberflutung und geringe soziale Batterie einfach viel Reizüberflutet und brauche dann lange Zeit um wieder zu regenerieren. Das ganze Neue (wie neue Menschen, neue Erfahrungen und Anforderungen), das gerade in mein Leben durch die Kandidatur gekommen ist, ist etwas, für das ich extrem dankbar bin, aber das zu verarbeiten mich auch noch einmal besonders auslaugt.

Mein Autismus ist jedoch nicht nur eine “Hürde”, die ich überwinden muss, um politisch aktiv sein zu können. Im Gegensatz, mein Autismus, das ist ich. Und sicherlich einer der größten Gründe, wieso ich mich entschieden habe den vielleicht etwas drastischen Schritt zu gehen und als OB zu kandidieren. Wie Greta Thunberg es schon öfter verbalisiert hat, sind für uns manche Dinge klarer als für neurotypische Menschen. Zum Beispiel habe ich noch in der selben Nacht, in der ich als Kind herausgefunden habe welches Leid Fleischessen bei Tieren (und durch den Klimawandel indirekt auch bei Menschen) verursacht, aufgehört Fleisch zu Essen. Und seither bin ich Vegetarierin und inzwischen auch Veganerin. Für mich war es eigentlich gar keine Abwägung, wie es für andere Menschen vielleicht gewesen wäre, sondern glasklar, wie ich mich zu entscheiden habe. So ist es in vielen anderen Bereichen auch. Zum Beispiel sehe ich meinen Klimaaktivismus nicht nur als Hobby an, das mir Spaß macht, sondern auch als eine Pflicht, da der Klimawandel extrem viel Leid verursacht und verursachen wird und ich (durch meinen Wohnort, meine finanzielle Absicherung, meine Bildung) die Möglichkeit habe dagegen tätig zu werden.

Deshalb gehe ich in meinem Aktivismus auch unkonventionelle Wege, wie zum Beispiel zu Kandidieren. Im Hinterkopf habe ich immer die “Strategie”. Die Welt ist für mich ein bisschen wie ein großes Schachbrett, auf dem ich eine Figur mit bestimmten Fähigkeiten bin. Und ich habe ein bestimmtes Ziel in diesem Schachspiel und setze meine Schachfigur strategisch ein, sodass sie möglichst viel zum Erreichen des Ziels beiträgt. Mein Ziel ist Klimaneutralität und zu kandidieren ist mein Schachzug. Es ist nicht so, als wollte ich schon immer Politikerin werden und als sähe ich mein Gesicht unglaublich gerne auf Wahlplakaten. Doch es ist das von dem ich glaube, dass ich gerade mit den individuellen Ressourcen, die ich habe, am effektivsten dem Klimawandel entgegensetzen kann. Andere Menschen kommen in ihrem persönlichen Handeln vielleicht zu ganz anderen Schlüssen und das ist auch gut so. Diversität ist auch im Klimaschutz wichtig (so lange sie keine Gewalt beinhaltet).

Manche mögen eine solche strategische Herangehensweise an die Probleme unserer Zeit als kalkulierend und gefühlskalt bezeichnen. Doch ich tue das, gerade weil ich ein so großes Mitgefühl für die Lebewesen auf dieser Erde habe und Leid minimieren will. Denn ich bin voller Gefühle und Farben.

Viele haben mir abgeraten meinen Autismus öffentlich zu machen. Doch ich möchte mich nicht mehr schämen und verstecken für das, was ich bin. Hätte Greta Thunberg nie öffentlich gesagt, dass sie Asperger-Autistin ist, hätte für mich eine lange Reise des Empowerments und des politischen Engagements vielleicht nie begonnen und ich würde noch immer unter der falschen Prämisse leben, dass Autist*innen das alles gar nicht können.

Doch wir können das. Und unsere Sichtweise auf die Dinge ist wichtig im gesellschaftlichen Diskurs. Ich möchte in einer Welt leben, in der ich und andere Neurodiverse akzeptiert und integriert werden, ohne das Gefühl vermittelt zu bekommen, dass etwas falsch mit uns ist. Meinen Autismus offen zu kommunizieren ist der Teil, den ich zu dieser Welt beitragen kann. Ob wir jedoch irgendwann in einer solchen Welt leben können, hängt nur zum kleinen Teil an den autistischen und behinderten Menschen selbst. Ein anderer großer Teil hängt an der Akzeptanz von neurotypischen Menschen und den Willen uns so anzunehmen, wie wir sind.

PS: Ich benutze in diesem Blogpost das Wort Behinderung und die “identity-first language” bewusst. Die überwiegende Mehrheit an Autist*innen benutzen diese Art von Sprache (autistisch sein anstatt eine Person mit Autismus sein), da wir unseren Autismus nicht wie etwas sehen, das außerhalb von uns ist oder uns etwa nicht zu einer Person macht. Auch das Wort Behinderung sehen viele keineswegs als ein diskriminierendes Wort, das durch Worte wie “special needs” ersetzt werden muss.