Von der Dankbarkeit offen queer sein zu dürfen

Ich erwache. Von der Angst, die mein Leben gelähmt hat. Wachse, schöpfe Mut mich selber kennenzulernen, zu akzeptieren und zu leben. Wie lange habe ich mich bei der Betrachtung meiner Selbst an Standards orientiert, obwohl diese nicht meinen Gefühlen entsprachen? Und habe dann, anstatt diese Standards umzuwerfen, meine Gefühle als “falsch” deklariert?

Ich weiß es nicht.

Aber ich weiß, dass ich jetzt leben will. In vollen Zügen. Ich möchte alle Gefühle, alle Farben, alle Facetten vom Leben. Ich möchte lieben. Auf die Reise zur Lust, zur Romantik, zur tiefen Verbundenheit und Anziehung gehen. Und diese Zielvorstellung, am Ende dieser Reise in einer monogamen hetero Ehe zu sein, endgültig verwerfen.

Denn ich mag Frauen. Auf die romantische Art. Das weiß ich schon seit meiner Kindheit. Seitdem die Verbundenheit zu meinen besten Freundinnen in Schwärmereien ausartete und dann in tiefe jahrelange Verliebtheit. Seitdem ich mit 13 auf wattpad lesbische amateur Literatur entdeckte. Und seitdem jeder Hauptcharakter in meinen eigenen Geschichten queer ist.

Trotzdem habe ich mich selbst nie als queer angesehen. Den Plan mit der monogamen hetero Ehe nie verworfen. Bin weiter davon ausgegangen mein Leben entspräche den Sexualität-Standards (die es nicht gibt).

Der richtige kommt schon noch. Nur, dass er nie kam und ich single und enthaltsam vor mich hin lebte.

Das ganze ging so weit, dass ich mir einredete aromantisch zu sein (was auch völlig okay wäre, aber auf mich definitiv nicht zutrifft). Denn als ich dann hin und wieder doch mal einem Mann näher gekommen bin, fühlte ich einfach nichts. Und anstatt meine sexuelle Orientierung einmal gründlich zu hinterfragen, habe ich lieber meine eigenen Gefühle hinterfragt. Wahrscheinlich fühlt sich verliebt sein für mich anders an. Vielleicht ist mir das körperliche alles egal. Oder das kommt einfach noch, die Schmetterlinge und die Schwärmerei.

Spoiler-Alert: Es kam nie. Diese “Romanzen” mit Männern waren aber kein düsteres Kapitel in meinem Leben. Es haben sich tiefe Freundschaften entwickelt. Und ich durfte ausprobieren und über mich lernen.


Ich brauchte wirklich lange, um zu bemerken, dass Männer vielleicht einfach nicht das richtige Geschlecht für meine romantische Anziehung sind. Und dann brauchte ich noch länger, um meinen Geist zu öffnen und die Vorstellung zuzulassen vielleicht nicht in meiner Zukunft mit meinem Ehemann und meinen zwei Kindern in einem Einfamilienhaus zu leben. Und diese Zukunftsvorstellung, so kleinbürgerlich sie auch ist, musste ich erst einmal betrauern. Es war, als sei meine ganze Zukunft wegradiert worden. Auch wenn es mir peinlich ist das zuzugeben, aber ich kannte einfach nicht so viele queere Narrative. Und schon gar keine, an denen ich mir vorstellen konnte mich zu orientieren. In meinem Kopf war ein Leben als lesbische Frau irgendwie gleichbedeutend mit Kinderlosigkeit und einem Leben in Abgeschiedenheit von der Gesellschaft. Auch wenn ich diesen Lebensentwurf nicht abwerten möchte, konnte ich mir einfach nicht vorstellen so zu leben. Und deshalb habe ich mich dagegen gewehrt eine Lesbe zu sein.

Doch dann ging ich auf die Suche nach neuen Narrativen. Und entdeckte einen gewaltigen Schatz an Lebensentwürfen. Von der zwei Mütter, zwei Kinder Familie im Einfamilienhaus, die meiner vorherigen Zukunftsvorstellung bis auf das Geschlecht meiner Gattin entsprach, bis hin zu Polybeziehungen, Co-Parenting, Befruchtung durch Samenspende, Adoptieren…

Wie unkreativ ich doch mein Leben angegangen bin. Und wie eingeengt darauf diesen einen Weg zu gehen, um an dieses eine Ziel zu kommen. Anstatt zu leben, zu gehen, nicht um wohin zu kommen, sondern aus Neugier, aus einer Anziehung, die ich verspüre, am einen Tag, am anderen Tag vielleicht nicht, aus Lust und Liebe und Abenteuerlust.

Und plötzlich wurde ich mir so sehr dessen bewusst, was für ein Geschenk ich bekommen habe. Denn ich darf queer sein, ich darf Frauen lieben, offen und laut. Ich kann eine Frau heiraten, mit ihr Kinder bekommen und alt werden. Auch ich darf lieben und kann in einer Beziehung (oder mehreren) leben, die mich voll und ganz ausfüllen und zufrieden macht. Ich muss mich nicht einer Beziehung mit einem Mann hingeben, in der ich keine romantischen Gefühle habe und mich der Sex anekelt.

Und ich lebe in einer Gesellschaft und in einer Bubble innerhalb dieser Gesellschaft, wo ich mir dieses Recht nicht erst erkämpfen muss, wo ich keine großen Opfer dafür machen muss, ich zu sein. Ich muss nicht einmal ein Label annehmen, ich darf auch verwirrt sein und werde dennoch weiterhin akzeptiert.

Und dieses Geschenk wurde hart erkämpft. Von Schwulen und Lesben und Bisexuellen, Trans-Personen und nicht binären, Intersexuellen, Asexuellen, Aromantischen, Polygamen und Pansexuellen und allen anderen Farben des Regenbogens. Von LGBTQIAs, die vor mir kamen, oder mit mir leben, in Deutschland und auf der ganzen Welt. Die ihr Leben geben mussten für ihre Liebe, die alles verloren haben, die mit Diskriminierung, Blut, Beleidigungen und Scham bezahlen mussten für ihre Identität.

Ich bin so unglaublich dankbar für diese Menschen, die Tag für Tag für meine Rechte kämpfen. Dafür, das ich heiraten kann und küssen kann und lieben kann, ohne Opfer bringen zu müssen. Dass ich ich sein darf, nicht nur still und heimlich, sondern laut. Und dafür akzeptiert und respektiert werde. Für das Geschenk der Liebe.

Lieben zu dürfen sollte kein Geschenk sein, sondern eine Selbstverständlichkeit. Doch wir leben in einer Welt, in der das nicht so ist. In der immer noch und wieder LGBTQIA-Feindlichkeit existiert. In 69 Ländern der Welt wird Homosexualität strafrechtlich verfolgt, in einigen sogar mit dem Tod bestraft. In Ungarn werden gerade Anti-LGBT Gesetze abgestimmt, in Polen gibt es LGBT-freie Zonen. Und auch wenn Heiraten und Adoptieren legalisiert sind, auch wenn es Antidisktiminierungsprogramme gibt, so ist auch in Deutschland kein Ende der Diskriminierung von Queeren in Sicht. Unser Kampf geht weiter. Und wir können ihn nicht alleine Kämpfen, sondern es braucht jeden einzelnen, ob queer oder nicht queer, um uns und unsere Rechte zu respektieren.


Wir können so unendlich stolz sein auf die, die wir sind und das, was wir erreicht haben. Queer zu sein bedeutet für viele einen langen, steinigen Weg gehen zu müssen, mit vielen Opfern und Traumatisierungen. Für die, die out sind, und für die, die ihre Sexualität und Identität nicht offen leben können. Und dennoch sind wir hier heute. Gehen weiter diesen Weg. Stehen am CSD auf der Straße auch für die, die dort nicht stehen können. Weil sie von uns gegangen sind, weil sie sich aufgrund von Diskriminierung verstecken müssen, in Gefängnissen sitzen, ihnen Scham indoktriniert wird.

Doch ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass wir irgendwann einen CSD feiern, an dem jede*r teilnehmen kann, die/der möchte. In einer Welt, in der Kinder Stolz, anstatt Scham lernen. Und wir so bunt sein dürfen, wie wir sind.

Happy Pride.