Meine Stellungnahme zur Frischwasserversorgung der Pharmaindustrie in Marburg

Wie wollen Sie die zugesagten Mengen Frischwasser für die Pharmaindustrie garantieren, wenn die Flächenversiegelung durch Baugebiete und Autobahnen die Verfügbarkeit weiter einschränkt?


Eine weitere Frage aus dem offenen Brief an die OB- Kandidat*innen vom Klimabündnis.

Zu diesem Themenbereich habe ich mich von Martin Turek von der „Lokalen Agenda Marburg” sowie Dr. Anne Archinal von der AG „Rettet den Burgwald“ beraten lassen.

Die Behring-Nachfolge-Werke stellen mit ungefähr 6000 Arbeitnehmer*innen gemeinsam den größten industriellen Arbeitgeber in Marburg dar. Grundsätzlich kann man die 16 Unternehmen, die die Behring-Nachfolge-Werke bilden, als emissionsarme Arbeitgeber betrachten.

Jedoch haben die Forschungslabore sowie die Produktion der pharmazeutischen Produkte einen nicht unerheblichen Bedarf an hochreinem Frischwasser, der durch die geplante Erweiterung der Behring-Nachfolge-Werke weiter gestiegen ist. Hier hat die Stadt Marburg, wie bereits in der Frage formuliert, Zusagen gemacht, das benötigte Frischwasser zur Verfügung zu stellen. Jedoch muss ich hier die Transparenz der Stadt Marburg bemängeln, da die genauen Konditionen, unter denen diese Zusage erfolgt ist, sowie die Mengen des benötigten Wassers der Pharmaindustrie nicht veröffentlicht wurden.

Im Gebiet Marburg-Biedenkopf kann das benötigte Wasser nicht gewonnen werden, da das Wasser aus Brunnen, wie in Michelbach, zu hart ist. Das Wasser für die Behring-Nachfolge-Werke kommt deshalb über den „Zweckverband Mittelhessische Wasserwerke” überwiegend aus dem Wasserschutzgebiet im Raum Stadtallendorf.

Dieses Wasserschutzgebiet wird durch den Bau der A49 bedroht. Die Schwierigkeiten für den Wasserschutz liegen hier nicht hauptsächlich, wie man zunächst vermuten könnte, in der Flächenversiegelung durch die Autobahnstrecke – die zwar erheblich, aber im Gegensatz zur Gesamtfläche des Wasserschutzgebietes für den Wasserschutz nicht ausschlaggebend ist –, sondern vor allem darin, dass das Schmutzwasser von der Autobahn, durch Abgase und Reifenfasern verunreinigt, eine Bedrohung für die Reinheit des Frischwassers im gesamten Wasserschutzgebiet darstellen könnte.

Bis heute wurden die Gefahren der A49 für das Wasserschutzgebiet Stadtallendorf noch nicht ausreichend überprüft. Ich fordere deshalb eine umgehende Prüfung dieser Gefährdung für die Frischwasserversorgung. Zudem bin ich, wie oben bereits ausgeführt, ohnehin für einen sofortigen Baustopp der A49 und eine Wiederaufforstung bereits gerodeter Waldflächen.

Bezüglich der Pharmaindustrie ist es schwer, hier politische Forderungen zu formulieren, ohne Zugang zu den notwendigen Informationen dafür zu haben. Eine Lösung für das Problem könnte aber zum Beispiel sein, dass die Behring-Nachfolge-Werke zwar ihre Industrie ausweiten können, dafür aber nicht von der Stadt das nötige hochreine Frischwasser gestellt bekommen, sondern mit einer eigenen Kläranlage einen erheblichen Anteil des benötigten Wassers selbst aufbereiten.

Das Zusammenspiel zwischen Wasser und Flächenversiegelung stellt jedoch nicht nur für die Wasserversorgung ein Problem dar, sondern auch für das innerstädtische Klima.

Zum einen blockiert Querverbauung den Einfluss von Kaltluftströmen, sodass sich auch ländlich gelegene Städte wie Marburg viel stärker aufwärmen. Um dem entgegen zu wirken und es auch für die kommenden (leider immer heißer werdenden) Sommer „aushaltbar“ in Marburg zu machen, empfiehlt es sich, oberirdische Wasserflächen anzulegen, die die Stadt zum einen kühlen und zum anderen als Reservoir für das Wässern des Stadtgrüns dienen.

Zum anderen müssen wir – obwohl die Frischwasserversorgung in Marburg zurzeit gesichert scheint – die zukünftigen Entwicklungen des Klimas berücksichtigen. Aufgrund der atypischen Entwicklung der Regenereignisse (lange Dürrephasen und dann kurze und heftige Niederschläge) wird die Grundwasserneubildung wahrscheinlich immer weiter zurückgehen. Konfrontiert mit einer solchen Situation, ist es nahezu paradox, dass Marburg weiterhin Frischwasser in das Rhein-Main-Gebiet liefert. Stattdessen sollte ressourcenschonend mit dem Grundwasser in Marburg umgegangen werden und dieses weitestgehend im Boden verbleiben, um für viel trockenere Zeiten als Ressource/Reserve zu dienen. Dafür ist eine Erneuerung der Wasserversorgung in Marburg notwendig, zum Beispiel mit einer Integration von Brauchwasser-, Grauwasser-, sowie Regenwassersystemen, vor allem in Neubauten.