Der Kapitalismus in mir - individuellen „Erfolg“ überdenken

Schon seitdem ich relativ jung war hatte ich eine sehr genaue Vorstellung von dem, was ein erfolgreiches Leben ist. Ein Stichwort: Karriere. Die häufigste Frage, die einem als Kind gestellt wird, ist: „Was willst du einmal werden?“ Damit ist nicht Familienvater, Liebhaber, oder leidenschaftliche Amateursängerin gemeint, sondern natürlich Karriere. Je ambitionierter und gleichzeitig realistischer die angegebenen Ziele sind, desto mehr Zuspruch erlangt man als Kind.

Und dann nimmt die Lawine Fahrt auf, wir kommen in die Schule, wo Lob und Anerkennung abhängig von Leistung gemacht werden, wo wir andauernd aneinander gemessen und bewertet werden und uns beigebracht wird: Wir sind, was wir leisten. In der vierten Klasse werden wir dann angestachelt bloß diese Gymnasialempfehlung zu ergattern, denn nur mit Abitur können wir ja jemals erfolgreich werden. Und erfolgreich ist gleichgesetzt mit beliebt, glücklich und wichtig für die Welt. Unser soziales Überleben in dieser Gesellschaft ist scheinbar abhängig von dieser Gymnasialempfehlung, dann vom guten Abitur, dann vom Studienabschluss und wir rennen diesen Auszeichnungen hechelnd hinterher, denn wenn wir stehen bleiben - dann droht der Ruin. Wir werden arbeitslos, einsam, eine Last für die Gesellschaft. Unglücklich.

Nach einem Burnout habe ich begonnen mich zu fragen: Woher kommt dieser Leistungsdruck, dieser krankhafte Ehrgeiz in mir bloß? Und wie bei vielen anderen Fragen, bin ich schließlich zu der Erkenntnis gekommen, dass eine individuelle, biografische Antwort zu einfach wäre. Denn Leistungsdenken ist das Benzin, das der Kapitalismus unserer Gesellschaft, zum Überleben braucht. Und es muss ständig Nachschub geben an Menschen, die Jahrzehnte lang die Tretmühle der Wirtschaft treten. Wie macht man das nicht besser, als durch den Mythos des Erfolgs?

Zu jedem Mythos gehören Helden (das Gendersternchen lasse ich hier extra mal weg). In unserem Falle sind das die reichen CEOs, Chefärzte, die bekannten Politiker, die Besitzer der Villen und Sportwägen. Nirgendwo ist diese Götzenanbetung wohl so ausgeprägt wie in den USA.

Dann stehen wir vor unserer Held*innenreise, der Weg, wie auch wir zu diesen göttergleichen Gestalten werden können. Alles nur harte Arbeit. Jede*r von uns kann dadurch angeblich erfolgreich werden. Wenn wir scheitern, dann haben wir uns nur nicht genug angestrengt. Wie viele gehen auf diesem Weg verloren, schuften sich kaputt und machen sich dann auch noch selbst für ihr Unglück verantwortlich.

Und das alles für was? Das große Ziel? Den Erfolg?

In unserer Gesellschaft gilt Steve Jobs als erfolgreich, auch wenn Apple immer wieder Kinder- und Zwangsarbeit, Missbrauch, Bestechung, illegale Müllentsorgung und unsichere Arbeitsumgebungen vorgeworfen werden.

Oder Mark Zuckerberg, dessen Unternehmen Facebook für seine massive Datenschutzproblematik bekannt ist. Und wenn doch auch mal eine Frau in der Liste der Erfolgreichen auftaucht, dann als wunderschönes Victoria Secret Model, deren Beruf eine schwerwiegende Essstörung bei ihr ausgelöst hat, die in einer Branche gefüllt von Sexismus arbeitet und ein „Schönheitsideal“ bewirbt, das Essstörungs- und Selbstwertproblematiken unzähliger weiterer Personen verschärft.


Wir denken nicht länger an Glück, wenn wir an Erfolg denken. Nicht an Menschen, deren Taten zum Frieden, zum Klimaschutz, zur Gesundheit und Zufriedenheit anderer beitragen. Der Batwa Mensch, der mit seinem Lebensstil den Wald am Leben hält und der mit seinem Konsum weder zur globalen Erderwärmung, noch zum Artensterben oder dem Verlust von fruchtbaren Böden beiträgt, ist nicht erfolgreich. Nein, er ist in den Augen vieler ein unzivilisierter Indigener und niemand rührt sich, wenn er von seinem Land vertrieben wird und zur Arbeit auf Nestle Feldern gezwungen wird, denn wenigstens hat er jetzt eine „echte Arbeit“.

Die Altenpflegerin, die der Sonnenschein ihrer Pflegestation ist, ihren Beruf liebt und jeden Tag Menschen ein Lächeln schenkt, ist nicht erfolgreich. Nein, sie ist sogar so unerfolgreich, dass die meisten es gerechtfertigt finden, dass sie 15 Euro pro Stunde verdient und dieses Jahr noch keinen Urlaubstag nehmen konnte, weil ihre Station hoffnungslos unterbesetzt ist.

Und der Junge mit Down-Syndrom, dessen Kunst Menschen zu Tränen gerührt hätte und der eine lange und glückliche Ehe geführt hätte, ist gar nicht erst zur Welt gekommen, weil seinen Eltern bereits in der Pränataldiagnostik mitgeteilt wurde, er könne niemals ein „erfolgreiches“ Leben führen.

Es ist Geld, das einen erfolgreich macht. Die Fähigkeit, den Kapitalismus so für sich zu nutzen, dass er einen reicher macht, während er die meisten anderen ärmer macht. Das Profitieren von den Bedürfnissen anderer. Das Herstellen von Abhängigkeiten und der Missbrauch von Verantwortung zum Mittel der Macht.

Und dann muss man noch jemanden darstellen nach außen, der wertvoller ist, als andere und der in unserer Gesellschaft die freigewordene Rolle des Adels einnehmen kann, damit das Volk in seinem tragischen, erfolglosen Leben, wenigstens jemanden zum aufschauen hat. Der dann immer sagt „wenn du nur fleißig bist, dann stehst du auch einmal hier“, damit du schön weiter die Tretmühle des Kapitalismus betätigst, die ihn dort hinauf gebracht hat und dich weiter unten hält.

Und weißt du was? Ich habe mitgemacht. Weil ich nichts anderes kann. Schon als Kind abhängig gemacht wurde von der Droge des Lobs, die mir nach jedem „Erfolg“ im Leistungssystem verabreicht wurde, erst von Eltern und Lehrer*innen, dann wurde mir die Spritze übergeben und ich selber hatte das Vergnügen mich zur Höchstleistung anzutreiben, mich kaputt zu schuften, zum Burnout.

Und jetzt bin ich selbst schuld. Eben nicht erfolgreich, habe versagt, bin eine Belastung fürs Gesundheitssystem. Es folgte ein Entzug, nüchtern werde ich wohl nie sein. Doch nüchtern genug, um zu sagen: Glaubt dem Erfolgsversprechen nicht. Denn es ist die Peitsche, die uns antreibt diesen Karren mit einem unglaublichen Kraftaufwand vor die Wand zu fahren. Und auch wenn nur die wenigsten von uns überhaupt die Wahl haben, aufzuhören ihn zu ziehen, so muss uns alle das Wissen erreichen, wie falsch das alles ist. Dass niemand an seiner Armut schuld ist und wahrer Erfolg nicht existiert.

Also lasst uns diesen Wegweiser „Erfolg“ endlich abreißen und recyceln. Ihn ersetzen, mit Erfüllung und Glück, mit dem Vorsatz unser Leben zu nutzen dieses kaputte System zu reparieren, gegen Klimawandel, soziale Ungleichheit, psychische Krankheiten, Krieg und Diskriminierung jeglicher Art zu kämpfen. Eine jede in ihrem eigenen Wirkkreis. Lasst uns das Ziel unseres Lebens neu definieren, anstatt uns selbst ständig an unserem „Erfolg“ zu messen, beginnen zu heilen, anstatt uns weiter kaputt zu machen. Und aufhören auf die unsichtbaren hinab zu schauen, die auf ihren Händen den Erfolg der anderen tragen und in der Stille unserer Ohren, die weghören, leiden.

Wir müssen es nicht weitergeben, das Leistungsdenken. Es kann Generationen geben, die ihre Luft zum atmen nicht erst verdienen müssen. Die nicht abhängig sind von Einsen oder unterteilt in Looser*innen und Streber*innen.

Doch dafür müssen wir den Kapitalismus in unserem Inneren erst einmal konfrontieren.