Meine Angst vor dem Leben

Über die Angst vor dem Tod wird viel geschrieben. Über Alpträume vom Sterben, von Krankheit, Unfällen und Krieg. Über die Angst vor Haien und giftigen Spinnen, vor Höhen oder Feuer.

So oft scheint es, diese Angst alleine leite unser Leben. Lässt uns zögern, abwägen, stehen bleiben, neu orientieren. In subtileren Facetten oft, denn wir sind selten mit einem wütenden Säbelzahntieger konfrontiert, häufiger jedoch mit dem wütenden Chef, Streit in der Familie, Kündigung und Mobbing.

Und auch das ist eine Art sich vor dem Tod zu fürchten. Denn ein gutes soziales Netzwerk bedeutet Schutz, Essen, die Möglichkeit Kinder zu erziehen, jemanden zu haben, der einen pflegt in Krankheit,… Und wenn das Wegfällt, wir in den Augen der anderen „wertlos“ werden, dann sind wir (zu mindestens damals in der Savanne) ebenso dem Tod ausgeliefert, wie wenn der weiße Hai auf uns zu schwimmt.

Wieso also „Angst vor dem Leben“, wenn alle Ängste scheinbar vom Tod abzweigen?

Weil da noch etwas anderes ist, zu mindestens in mir. Etwas tieferes, als die offensichtliche Panik, die mich überkommt, wenn ich der Schlucht zu nahe komme. Etwas feines, subtiles, das mich lenkt, mich bis in mein tiefstes Inneres prägt, so offensichtlich - und dennoch habe ich es nie bemerkt. Nie akzeptiert.

Es ist die Angst vor dem Leben.

Die Angst vor dem Glück. Vor dem Chaos. Vor der Liebe.

Die Angst davor, dass alles gut ist. Ich mich nicht beweisen muss. Ich in den Tag hinein leben kann und schauen kann, was er bringt.

Die Angst davor, nicht ständig kämpfen zu müssen, gegen andere und gegen mich selbst. Davor gesund zu sein, genug zu sein und das Streben nach Perfektion, nach „höheren Zielen“, loszulassen und einfach zu atmen, zu sein. Es zuzulassen, zufrieden sein zu dürfen, in einer chaotisch hässlich-schönen Welt. Vertrauen zu können. Geliebt zu werden.

Vielleicht denkt ihr jetzt, wie erbärmlich. Auch wenn ihr das nicht denkt, ich denke es zu mindestens. Da widerfährt einem so viel gutes, man lebt in Wohlstand, in einer Umgebung, die einem freundlich gestimmt ist, man wird geschätzt und geliebt, hat alles, wirklich alles, was man je brauchen könnte - und dann hat man genau davor Angst. Vor dem, was man sich doch eigentlich wünscht, wofür man doch eigentlich so unendlich dankbar ist.

Aber ich habe Angst davor, weil ich es nicht kenne. Nicht, dass mir ständig schlimmes widerfahren wäre, im Gegenteil, aber die soziale Welt in der ich aufgewachsen bin und in der ich sozialisiert wurde, war mir um einiges feindseliger gestimmt, als sie es heute ist. Ich habe gelernt, dass etwas an mir falsch ist, ich faul und asozial bin und ich es nicht wert bin, eine Freundin zu sein. Zwar habe ich auch das Gegenteil gelernt, aber ich habe mich für eine der beiden „Glaubensrichtungen“ entschieden.

Und ich habe immer gekämpft. Gegen die Narben des Mobbings. Gegen das Trauma. Gegen soziale Ängste. Gegen die Reizüberflutung. Und schließlich gegen mich selbst.

Denn nur so kenne ich mich. Als Kämpfende. In einer scheinbar schlechten Welt. So habe ich gelernt mein Handeln zu bewerten. Es hat mir Klarheit und Sicherheit verschafft. Ich bin zwar nicht beliebt, aber ich kann mir mein Recht auf Leben auf andere Weise erkämpfen. In dem ich extrem religiös bin und für alles Buße tue. In dem ich die beste in der Schule bin. Die beste in der Musik. Die beste Tochter.

Durch Opfer. Anpassung. Das Runterschlucken meiner Emotionen und der Überforderung mit den Reizen um mich herum.

Und ab einem bestimmten Punkt habe ich die Weltordnung so akzeptiert. Dass ich wertlos bin und es in Ordnung ist auf mich herab zu blicken. Dass ich niemals geliebt und verstanden werde. Und seltsamerweise war es okay. Als ich aufgehört habe mich zu wehren - da hat es irgendwann auch aufgehört weh zu tun. Gemobbt zu werden, mich falsch oder peinlich zu verhalten, etwas „dummes“ zu sagen, hat mir keine Angst mehr gemacht. Denn ich kannte es.

Um meinen Selbstwert nicht komplett zu verlieren, habe ich Alternativen gefunden. In Leistung und moralischem Handeln. Und wie gut ich in diesen Bereichen abgeschnitten habe, hat meine Selbstzufriedenheit von da an bestimmt.

Und die Jahre vergingen. Die Welt hat sich langsam verändert. Irgendwann waren sie zu alt zum mobben und jemanden zu treten, der ohnehin schon aufgehört hat sich zu wehren, macht wahrscheinlich auch nicht mehr so viel Spaß.

Die Dinge wurden also anders. Besser. Zu mindestens für mich. Ich fing an zu studieren, kam nach Marburg und Stück für Stück fügte sich hier eine wohlwollende Welt für mich zusammen, in der ich geschätzt und geliebt wurde und mich nicht beweisen musste, um akzeptiert zu werden.

Doch mein Weltbild blieb das selbe. Meine Art mein Handeln zu bewerten glich der von früher. Und so musste ich leisten, arbeitete und arbeitete für den perfekten Schnitt im Studium, und ich musste moralisch handeln, so moralisch wie möglich, mich aufopfern und kämpfen.

Und so habe ich mir meinen Kampf gesucht. Den Klimawandel. Und ich habe versucht mich dafür zu opfern, mich immer näher ans Burnout getrieben. Und hinter den zitternden Händen, der völligen Gefühlstaubheit, Tics und Suizidgedanken, war ein Hochgefühl.

Denn da war sie wieder. Meine schlechte Welt, voller schlechter Menschen. Da war etwas objektives, gegen das ich ankämpfen konnte, da war die Moral und das Wissen das richtige zu tun, da war die Möglichkeit mich opfern zu können und mich nicht diesem neuen Leben hingeben zu müssen, in dieser neuen und besseren Welt, wo ich geschätzt und geliebt werde und einfach sein darf.

Denn - glaubt mir - das ist zutiefst irritierend. Einfach sein zu dürfen, nichts für meine Daseinsberechtigung leisten zu müssen hat mich vollkommen verwirrt und mir Angst gemacht. Es ist zu kompliziert, einfach genug zu sein. Überfordernd. Ich kann nicht mehr mein Umfeld und meine Gefühle einordnen und mein Handeln bewerten, es gibt keine klaren Richtlinien mehr, alles ist chaotisch und bunt, anstatt schwarz und weiß und klar und deutlich.

Doch wisst ihr was? Ich habe „mein Opfer“, mein starkes Burnout letztes Jahr, überlebt. Die Welt hat sich bis zu einem winzigen Punkt zugespitzt, auf den ich mich konzentrieren konnte, aber anstatt dann ganz zu verschwinden, ist sie zurückgekehrt. Das Chaos ist durch das schwarz und weiß denken meiner Politik gebrochen, im kranken Wald blühten dennoch Blumen, und da waren Menschen, keine bösen, schlechten, sondern komplexe, die mich lieben.

Und egal welchen Ausweg ich aus dieser Welt suchte, unbewusst natürlich, mit Depressionen, Suizidalität, Ängsten und psychosomatischen Beschwerden, sie kehrte immer zurück, drängte sich mir auf, bunt, komplex, vielschichtig, bis ich sie nicht länger ignorieren konnte.

Und mich ihr stelle.

Ich stelle mich meiner Angst vor dem Leben. Und es wird Zeit brauchen, viel Zeit, und vielleicht werde ich nie so gelassen im Leben ankommen, wie manch anderer, aber ich werde es dennoch versuchen. Mich hin und wieder flüchten, in das ein oder andere Wehwehchen, aber ich werden leben. Voll und ganz. Nicht rein, nicht moralisch einwandfrei, nicht immer dankbar und durchdacht. Ich werde einfach leben. Mit allen Gefühlen. Mit dem Wissen, dass die Welt viel Schreckliches in sich hat, aber auch viel Schönes und ganz vieles dazwischen.

Und ich werde weiter gegen den Klimawandel kämpfen. Doch nicht mehr um dadurch moralisch zu sein und mir mein Daseinsrecht zu erarbeiten, denn das habe ich ohnehin, sondern für das Daseinsrecht der anderen.

Und natürlich wird die Angst bleiben. Und ein Teil von mir wird aufgrund von ihr Entscheidungen treffen und mein Handeln bewerten. Denn sie ist auch Teil vom Leben. Und ich schäme mich nicht länger für sie. Ich muss nicht länger kämpfen. Ich kann handeln, kreativ und wenig weise. Mein bestes geben. Und das für mich beste nehmen.

Die Welt als hässlich schön akzeptieren, ebenso wie mich selbst.

Auf das Leben.