Zerrissen zwischen Aktivismus und Politik

Der gestrige Tag hat Spuren hinterlassen. Ich wälze mich im Bett umher und spiele ihn wieder und wieder in meinem Kopf durch und den Weg durchs letzte Jahr, der dorthin geführt hat.

Ein offener Brief von sozial-ökologischen Initiativen wurde der Koalition übergeben. Ein offener Brief mit meiner Unterschrift darunter. An eine Koalition unter derem Koalitionsvertrag ebenso meine Unterschrift steht. Ein offener Brief von mir an mich also.

Doch was mich wirklich aus der Bahn geworfen hat ist das Ausscheiden der Marburger Linken aus unserer sozial-ökologischen Koalition. Wir hatten eine gemeinsame Vision: den Klimastrukturwandel unter sozialen Gesichtspunkten. Hatten einen Plan, ein Ziel. Doch bevor wir anfangen konnten irgendetwas davon umzusetzen, kam aus dem nichts die plötzliche Forderung der SPD die Gewerbesteuer zu senken. Und es hat uns zerfleischt und die Linken als Partner in unserer Koalition gekostet. Etwas, das nicht im Koalitionsvertrag stand, etwas, das nicht einmal diskutiert wurde, als wir uns zusammengeschlossen haben, hat unsere Zusammenarbeit zunichte gemacht. Ein einzelner Konzern und seine Forderungen, sein Verlangen nach Geld, nach Macht. Haben wir zugelassen, dass das passiert?

Eine Koalition ohne die Marburger Linke bedeutet für mich einen Verlust an unserer Legitimität als sozial-ökologisches Bündnis. Sie haben nicht nur meine eigenen Positionen inhaltlich gestärkt, sondern auch unsere gemeinsame Vision erweitert. Und das wäre den Marburger*innen zugute gekommen, dessen bin ich mir sicher.

Ohne unseren anderen radikalen Partner fällt unsere Rückenstärkung in Sitzungen mit SPD und Grüne weg und das schwächt auch uns alle. Ich weiß ehrlich nicht, wie ich jetzt noch weiter mit regieren soll.

Aber ich weiß auch, dass ich einem bürgerlichen Bündnis nicht das Feld überlassen kann. Gestern hörte ich den Satz “vielleicht müssen wir lernen, dass nur eine große Koalition stabil ist und funktionieren kann”. Funktionieren. Stabil. Weil große Koalitionen ja so ein funktionierendes, stabiles Wirtschaften zustande gebracht haben, das den Klimawandel kräftig befeuert und dadurch an unserer Lebensgrundlage zerrt.

Was wirklich damit gemeint wurde, war wohl, dass es einfacher ist. Für alle Beteiligten. Auch für mich. Wie gerne würde ich in die Opposition abhauen und den Linken folgen. Keine Kompromisse mehr. Aber auch kein Mitgestalten. Keine Umsetzung des Klimastrukturwandels. Keine Queerpolitik, kein gar nichts. Zuschauen und Kritisieren. Reden, wieder bloß reden, aber kein Handeln. Es wäre einfacher. Ich würde besser dastehen. Es wäre vereinbarer mit mir als Person. Aber geht es über mich? Oder wie die Klimaliste dasteht? Geht es darum, wie wohl man sich fühlt, was am besten für einen selbst ist, oder darum was am besten für Marburg, am besten für uns alle ist?

Die Zukunft interessiert meine Reden nicht. Die Zukunft interessiert nicht, dass ich zugeschaut habe mit kritischem Blick. Die Zukunft ist abhängig von meinem Handeln. Meine Kinder, meine Enkelkinder, neue Generationen, sie brauchen Taten, jetzt, um ihre Lebensgrundlage zu behalten, ihre Rechte auf Leben und Gesundheit.

Im Träumen bin ich gut. Nicht umsonst heißt dieser Blog “Traumarchiv”. Träume haben mir Leben gegeben. Eine Stimme, ein Gesicht. Hoffnung. Sie haben mich zur Aktivistin gemacht. Und als Aktivistin bin ich Politikerin geworden, weil ich nicht mehr zusehen konnte. Und weil ich endlich handeln wollen, bin ich Teil einer Koalition geworden.

Nur um jetzt meine Träume zu begraben? Mich den “Tatsachen” zu stellen und “Realpolitik” zu machen, während alle Tatsachen, die ich sehe, die des fortschreitenden Klimawandels sind und Realpolitik für mich eigentlich bedeutet diese wahrzunehmen und alles gegen sie zu unternehmen, was uns möglich ist?

Ich bin Zerrissen. Vom Traum und von den Kosten ihn umzusetzen. Von dem was Politik sein sollte und was sie wirklich ist. Davon eine Stimme zu bekommen und sie mit Kompromissen zu bezahlen, in denen ich sie verliere. Wie gerne würde ich am Rande stehen. Den Überblick bekommen. Und nicht mitten im Geschehen untergehen.

Heute gibt es kein Fazit. Keine Schlussfolgerung. Nur wirre Gedankenfäden. Emotionen. Und Rationalität. Ich weiß wer ich bin, ich habe keine zwei Gesichter, sondern nur eins (dem Autismus sei dank). Aber ich habe zwei Wege vor mir. Einen des Aktivismus und der Opposition. Und einen des Aktivismus und des Handels. Einen einfachen und einen schweren. Einen, auf dem ich mich verlieren könnte. Und einen beständigen.

Ich habe zwei Wege und eine Entscheidung. Ein Leben.

Wie würdest du dich entscheiden?