Es geht nicht um mich

Wir nehmen unsere Welt in Geschichten wahr. Sei es in Filmen, Büchern, Medien, in Radiobeiträgen oder Gerüchten, Erzählungen und Gesprächen. Überall tauchen sie auf, schlüpfen jeden Tag zu Dutzenden, überall wo wir denken, reden, handeln.

Ob ich es will, oder nicht, auch mit diesem Blog, dieser Seite vermittele ich eine Geschichte.

Geschichten kann man nicht entfliehen. Doch vielleicht sollten wir die Art und Weise überdenken, in der wir über sie erzählen.


Denn unsere Geschichten drehen sich um ihre Protagonist*innen. Die junge, schwedische Klimaaktivistin, der Mann, der einen Wald pflanzte, die Politikerin, der Geschäftsmann, die Ärztin.

Sie passen in ein Narrativ - das Narrativ des Individualismus. Und auch meine „Geschichte“ passt dort hinein.


Doch diese individualistische Linse, mit der wir die Geschehnisse dieser Welt betrachten, verfehlt oft das Wesentliche zu vermitteln. Das Wir.

Denn es geht nicht um mich. Es geht auch nicht um Greta Thunberg. Es geht nicht um Merkel, einzelne Politiker*innen oder wirtschaftliche Akteur*innen. Es geht nicht einmal um Länder, Ethnien, die Klimabewegung oder den Menschen. Es geht ums Wir. Und eine jede und ein jeder ist Teil von diesem Wir - und deshalb geht es auch um Greta, um dich und mich, unsere Familien, Freundesgruppen, Parteien, Gewerkschaften, Länder und Spezies.


Aber am Kern meiner Geschichte bin nicht ich. Auch wenn es auf diesem Blog manchmal danach aussieht. Da sind die Menschen, die mich erzogen haben, die mir positive und neutrale und negative Erlebnisse mit auf den Weg gegeben haben, die mich geprägt haben, da sind meine Lehrer*innen und Weggefährt*innen, die Klimaliste mit all ihren Expert*innen, die mir viele Inhalte vermittelt haben, da sind all die Bücher und Dokus, die ich gelesen habe, die zufälligen Begegnungen, die meine Sicht der Dinge ein klein wenig verändert haben. Und da ist das System, von dem ich Teil bin. Das Familiensystem, die Stadt, das politische System, das Ökosystem. Dieses Wir ist der Kern von mir.


Es ist nichts falsch am Individualismus und an den Geschichten, die entspringen, kursieren, archiviert und konserviert werden und irgendwann verblassen. Aber diese Geschichten sind nur ein winziger Teil einer Wahrheit, Bruchstücke der echten Geschichte, einzelne Perspektiven auf das Ganze. Und dieses Ganze dürfen wir bei all unserem Enthusiasmus für das Einzelne nicht verlieren.

Denn wir gehen Hand in Hand, das Ich und das Wir.