Jetzt liegt es an euch

Ein Brief an die älteren und mittel-alten Generationen zur Bundestagswahl am 26.09.2021.


Ich kann es noch nicht ganz fassen, dass es diesen Sonntag so weit ist. Bundestagswahl. Seit 1,5 Jahren arbeiten wir mit unserem Aktivismus bei MarburgZero auf genau diese Wahl hin. Unsere Freizeit, ja auch die Zeit in der wir eigentlich hätten studieren sollen, war gefüllt mit Gesprächen mit Bundestagskandidat*innen und -abgeordneten. Wir haben Flyer verteilt, aufmerksam gemacht, mit Kreide, Plakaten, Videos, Filmabenden und Quizzen, haben eine Wahlkampfdebatte zum Klimaschutz veranstaltet und auf zahlreichen Demos und Aktionen mitgewirkt.

Kurz - wir haben alles an Ressourcen, Wissen und Zeit, über die wir verfügen, in unser Ziel gesteckt. Klimagerechtigkeit. Und für die Klimagerechtigkeit das 1,5 Grad Ziel. Und für das 1,5 Grad Ziel ein Gesetz und für dieses Gesetz Mehrheiten schaffen, also mit Politiker*innen reden und die Bevölkerung mobilisieren.

Entscheidend dafür ist die Bundestagswahl diesen Sonntag, den 26.09.2021.

Gestern habe ich meine Briefwahl eingeworfen. Morgen ist die letzte Demo vor der Wahl, ich halte meine Rede. Und dann habe ich alles, was ich tun kann, getan. Dann liegt es an euch.

Denn ihr entscheidet diese Wahl. Ihr entscheidet über einen großen Teil meiner Zukunft und der Zukunft meiner ganzen Generation und den Generationen, die danach kommen. Ihr entscheidet, weil wenn wir endlich entscheiden können, es zu spät ist.

Wir sind zwar auch jetzt nicht machtlos, aber egal wie sehr wir uns anstrengen, der Einfluss, den wir auf diese Wahl haben, ist sehr begrenzt. Wir sind weniger als ihr. Unsere Meinungen werden nicht so laut gehört. Denn wir haben kein Vitamin B, keine Machtpositionen, kein Kapital, das wir anlegen können.

Im Gegensatz zu euch. Ihr habt die Macht in Deutschland. Deshalb bitte ich euch auch die dazugehörige Verantwortung zu übernehmen.

Klimaschutz ist nicht die Aufgabe der jungen Generation. Unsere „Aufgabe“ wäre es jetzt von älteren und erfahreneren zu lernen, wie man unser Klima und unseren Planet besser schützen kann und verantwortungsvoll mit ihm umgeht und dann irgendwann, wenn wir reif und bereit dazu sind, das von euch zu übernehmen. Stattdessen aber liegt die Aufgabe „Klimaschutz“ nach wie vor beinahe unbearbeitet herum und bevor sich niemand ihr annimmt, müssen wir es halt tun. Aber das kann nicht funktionieren. Denn wir verfügen weder um die Macht noch um das Wissen, das 1,5 Grad Ziel umzusetzen. Alles, was wir tun können, ist darauf aufmerksam zu machen.

Mit anderen Worten: Wir stehen auf der Straße, nicht als Selbstzweck, oder um uns von euch abzusetzen, sondern, weil wir uns wünschen, dass ihr euch uns anschließt. Und dass ihr unsere Forderungen in die Parlamente tragt und aus Worten dann auch Taten werden. Natürlich werden bereits jetzt jeden Tag auf der ganzen Welt vermeintlich „grüne“ Gesetze erlassen, doch „grün“ ist zu einem leeren Wort, einer neuen Verkaufsstrategie geworden, zu einem Symbol mit guter Absicht doch ohne Absicht wirklich nachhaltig etwas zu ändern. Weiterhin steigen die Emissionen. Die neue Bundesregierung muss deshalb echt eine gigantische Kehrtwende hinkriegen.

Ich sage die ganze Zeit wir und ihr, aber eigentlich gibt es nur ein wir. Wir leben alle auf diesem Planeten und ich denke, wir alle wollen ein glückliches und erfülltes Leben für uns und unsere Nachkommen. Der Klimawandel bedroht das.

Und trotzdem spürt man eine Spaltung, eine Kluft. Die Jungen gegen die Alten, so wird es oft porträtiert. Das kommt gut in Reden oder Überschriften. Aber vielleicht lassen wir uns davon zu schnell darüber hinweg blenden, dass wir eigentlich alle im selben Boot sitzen. Oder zumindestens durch den selben Sturm segeln.

Manche haben es vielleicht bequemer in ihrem Boot, es schaukelt kaum und es gibt viel zur Ablenkung, sodass der Sturm draußen kaum bemerkt wird. Andere sitzen auf selbstgebauten Flößen, halten sich an Ästen fest oder müssen selber schwimmen. Gerade Menschen, die an Orten der Welt leben, wo Erderwärmung bedeutet nicht mehr in seiner Heimat leben zu können, weil diese zur Wüste wird oder zu einem Teil des Meeres geworden ist.

Aber dennoch sitzen wir im selben Sturm, ob alt ob jung, ob arm ob reich, ob in Deutschland, in Namibia, in Tibet oder Mexico.

Und mit dem Gedanken möchte ich enden. Lasst uns wieder zusammenwachsen. Wir hassen euch nicht. Wir brauchen euch. Lasst uns nicht mit der Klimakrise allein. Packt mit an, wo ihr könnt.

Fühlt euch angesprochen.