Wie soll mein Ich gesund sein, wenn unser Wir krank ist?

Ich habe mit diesem Blog, in meinem Leben generell, eine Entscheidung getroffen. Ich will mich nicht länger verstecken. Hinter Masken und Mauern, leeren Worten, hohlen Redefloskeln. Ich möchte nicht still vor mich hin leiden, in der Einsamkeit unserer Zeit untergehen.

Uns wird beigebracht, dass psychische Erkrankungen Schwächen sind, etwas wofür man sich bewusst entschieden hat und wofür man sich schämen muss. Seine Probleme zu verstecken wird zum obersten Gebot. Psychisch Kranke werden stigmatisiert, als Last für die Gesellschaft, als schlechte Eltern und beziehungs- und arbeitsunfähige Personen. Deswegen möchte niemand in diese Kategorie fallen, wir zwingen uns dazu “stark” zu sein, weiter zu machen, das Problem zu ignorieren, es ja nicht auszusprechen, denn dann wird es real - und was sollen bloß die anderen denken? Und währenddessen wächst es in uns, ein Krebs, ein Teil unserer Selbst, der sich gegen uns wendet und je mehr wir ihn ignorieren, je mehr wir ihn uns selbst klein reden, desto größer wird er.

Auch ich habe etwas krankhaftes in mir, eine Depression, die seitdem ich 7 Jahre alt bin, immer wieder kommt. Soziale Ängste, Zwangsgedanken, Selbstverletzung begleiten diese Episoden. Und lange war ich Teil dieses Schweigens, denn es gibt für diesen Schmerz wenig Worte und vor allem keinen Ort, an dem man sich sicher fühlt ihn auszusprechen. Auch meine politische und aktivistische Arbeit, die mich sehr erfüllt, führt regelmäßig zu einer Überforderung, zu Gefühlen, die ich nicht mehr verarbeiten kann, zu tiefen Selbstzweifeln. Und nach Problemen habe ich lange in mir gesucht. Das ist nicht ohne Grund ein Credo der Verhaltenstherapie - problematische Verhaltensweisen als solche verstehen und sie mit anderen, gesünderen, ersetzen. Doch unreflektiert führt diese Sicht auf psychische Erkrankungen oft dazu sich seine eigene Depression vorzuwerfen, als Fehler, Makel, den man selbst zu verantworten hat.

“Wäre ich bloß wie diese eine Person! Extravertierter, klüger, neurotypischer. Dann würde es mir jetzt nicht so gehen und ich könnte viel mehr fürs Klima machen.”

Doch ich habe in den letzten Wochen eine Entdeckung gemacht. Diese eine Personen, diese Personen um mich herum, wie die ich sein wollte, die alles “richtig” zu machen scheinen, denen geht es zum Teil nicht anders als mir. Depressionen, Burnout, ist eine Epidemie. Etwa 10% der Deutschen erleiden in ihrem Leben eine Depressionen. Während der Corona Pandemie liegt diese Zahl wahrscheinlich noch einmal deutlich höher.

Ich habe angefangen über meine eigenen Probleme zu sprechen und gemerkt, dass ich nicht alleine bin. Dass wir gemeinsam einsam sind. Depressionen in unserer Gesellschaft und meiner Generation etwas normales sind - obwohl sie so unnormal, so krankhaft sind.

Denn Depressionen sind nicht in uns allen veranlagt. Natürlich gibt es auch Depressionen, wo eine hohe genetische Komponente vermutet wird. Auch in indigenen Gesellschaften gibt es diese (wahrscheinlich) genetisch bedingten psychischen Erkrankungen. Neben Formen der Depression fallen hierunter zum Beispiel auch die Schizophrenie. Doch es wird vermutet, dass indigene Jäger und Sammler*innen Gruppierungen, die auch noch als solche leben können, einen bedeutend geringeren Anteil an psychischen Erkrankungen aufweisen. Vor allem Depressionen und Angststörungen sind viel geringer verbreitet, als in unserer Gesellschaft.

Der Ursprung vieler psychischer Erkrankungen liegt also weniger in uns als Individuen, als in der Art und Weise, wie wir heute zusammenleben. Nach neueren Schätzungen kann man das Alter des Homo Sapiens auf etwa 600 000 Jahre schätzen. Erst seit 10 000 Jahren, einem winzigen Bruchteil der Menschheitsgeschichte, leben wir in Landwirtschaft. Unser Genpool ist jedoch zum aller größten Teil während dieser hunderttausenden von Jahren als Jäger und Sammler*innen entstanden durch Mutation, Selektion und Adaptation. Wir sind genetisch noch immer Jäger und Sammler*innen, in einer Welt die sich unglaublich weit von unserer einstigen Lebenswelt entfernt hat.

Der Kern unseres Wesens ist die Gruppe. Denn nur mit ihr konnten wir überleben. Mit unseren etwa 30 Gefährt*innen, mit denen wir gemeinsam umherzogen, jagten, sammelten. Etwa 2 Stunden (natürlich abhängig vom Ort und der Jahreszeit) brauchten wir dafür für unseren Lebensunterhalt zu sorgen, Essen bereit zu stellen, Werkzeuge zu bauen. Den Rest des Tages haben wir frei verbracht. Umgeben von Natur, deren Teil wir waren, in einer engen Gemeinschaft mit anderen Lebewesen und unseren Mitmenschen. Die Abende wurden häufig am Feuer verbracht, Geschichten erzählt, gelacht, Musik gemacht, getanzt. Sich zu verstecken war unmöglich, so nah waren einem die anderen.

Wenn ich das mit dem Heute vergleiche - Abends sitze ich meist alleine vor Netflix, umgeben von Mauern. Ich lebe in einer Welt, die mich überflutet mit Reizen, jedes Jahr neuen Innovationen, gesellschaftlichen Umbrüchen. Im Kern meines Lebens stehe ich selbst. Ich strebe nach meinem eigenen Glück, bin für meinen eigenen Erfolg verantwortlich, soll “mich selbst verwirklichen”. So eile ich umher, arbeite und arbeite, damit ich konsumieren und konsumieren kann. Ich will gar nicht die Produkte, nein, ich will das, was die Werbung mir verspricht: Gemeinschaft. Wenn ich dieses Handy habe, dann verpasse ich nichts mehr von den anderen. Mit diesem Steak werde ich einen wunderbaren Grillabend haben. Und an dieses Kissen kann ich mich Nachts schmiegen, wie an einen anderen Menschen.

Und dann sind da die Gesellschaftlichen Probleme. Probleme, die mein Jäger und Sammler*innen Gehirn, das auf die Belange von den etwa 30 Menschen meiner Gruppe eingestellt ist, gar nicht begreifen kann. Klimawandel, Hunger, Artensterben, Krieg, Pandemien. Unendlich viel Leid, eine Masse an Leidenden, die verschwimmt, kaum noch wahrnehmbar für mich ist, zu abstrakt. Wir könnten so viel dagegen machen, doch hinzusehen tut zu sehr weh, Verantwortung zu übernehmen, sich einzugestehen, dass man Teil des Problems ist, zu schwer.

Und wenn ich mich doch aufraffe, mich dazu entschließe tätig zu werden, hinzusehen, dann scheine ich daran kaputt zu gehen. Das geht nicht nur mir so, viele Aktivist*innen berichten ähnliches. Hier wieder ein Plenum, ein Gespräch mit einer/einem wichtigen Politiker*in, eine wichtige Aktion. Ich könnte noch dies machen, jenes tun, noch hier einen Text zu schreiben, auf diesem Podium sprechen. Der Müllhaufen an Ungerechtigkeiten, den unsere Lebensweise auf dieser Welt Tag für Tag produziert, ist so groß, dass man Milliarden Leben bräuchte, um ihn abzuarbeiten.

Und wenn ich dann meine Überarbeitung, mein drohendes Burnout kommuniziere reagieren viele nur mit Kopfschütteln. “Aber es ist doch nicht dein Problem! Wieso lädst du so viel Last auf dich?” Ich solle doch einfach wegsehen, die Zustände ignorieren und weiter Müll produzieren. Und wenn ich dann zitternd und weinend im Bett liege, weil ich einfach nicht wegsehen kann, nicht aufhören kann für Klimagerechtigkeit zu kämpfen, meine Grenzen damit wieder und wieder überschreite und komplett mit diesem riesigen Müllberg überfordert bin, dann bin ich die Kranke.

Aber ist es nicht das Wir, das krank ist? Unsere Ignoranz für einander, die diese Welt krank macht? Wie kann ich denn gesund sein, zufrieden, glücklich, in einer Welt, die untergeht? Ist diese vollkommene Ignoranz für all das Leid unserer Zeit und das durch den Klimawandel noch drohende, nicht das eigentlich krankhafte?

Ich möchte psychische Erkrankungen nicht rechtfertigen, oder sie verherrlichen, oder sie gar vereinfachen. Depressionen zum Beispiel sind hochkomplex und “multikausal”, das heißt, sie haben eigentlich immer mehr als eine Ursache (z.B. familiäre Streitigkeiten, der Wegfall von wichtigen Bezugspersonen, Überforderung bei der Arbeit und eine genetische Veranlagung). Aber es ist auffällig, wie krank unser Zusammenleben geworden ist, wie weit wir uns von dem entfernt haben, das wir eigentlich sind und wie sehr wir Meister*innen der Ignoranz geworden sind, was globale und soziale Probleme angeht. Und so bekämpfen wir die Ursachen von psychischen Erkrankungen, stellen mehr Therapeut*innen ein, entwickeln Medikament für Medikament (was ich auch auf gar keinen Fall in Abrede stellen will! Es gibt viele gute Verfahren für die Behandlung von psychischen Erkrankungen!). Wir schieben die Verantwortung für Depressionen, Zwang und Angst und die ganze Vielfalt psychischer Störungen auf den/ die einzelne*n, während wir weiter gekonnt ignorieren, dass das eigentliche Problem im uns, im wir, in der Art und Weise, wie wir zusammenleben, liegt.